Presseartikel - Zeitschrift „Freundesbrief“ Ausgabe 1- 2005

 
 

 

„…. damit sie alle eins seien.“ (Joh. 17,21)

Ökumenisches Fronleichnamsfest in Hohen-Sülzen

In dem kleinen rheinhessischen Weindorf Hohen-Sülzen hat sich in den letzten Jahren eine außergewöhnlich gute ökumenische Verbundenheit entwickelt.

 

Angefangen hat alles mit gemeinsamen Familien-Gottesdiensten, die bis heute zusammen mit dem Team des Ev. Kindergartens vorbereitet und durchgeführt werden. Schon bald folgten gemeinsame Kerwe-Gottesdienste und Erntedank-Gottesdienste. Bedingt durch die vierteljährlich stattfindenden gemeinsamen Sitzungen von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand entwickelte sich eine ökumenische Erwachsenenbildung mit regelmäßig stattfindenden Vortragsabenden. Allmählich entstand zwischen beiden Konfessionen eine Atmosphäre des sich, in seinen verschiedenen Traditionen, gegenseitig Achtens und Respektierens. Beide Seiten lernten voneinander und entdeckten den jeweils anderen als Bereicherung. Und so ist heute bei allen ein Gespür dafür entstanden, dass wir nur dann glaubwürdige Zeugen Christi sein können, wenn wir die jahrhundert alte Zerstrittenheit der Kirche überwinden. Allen wurde klar: Die wahre Kirche Jesu Christi wird nicht durch institutionelle Richtigkeiten am Leben erhalten, sondern durch das Leben der Gemeinde vor Ort, das sich an Jesu Wort und Liebe orientiert.

 

Auf dem Hintergrund dieser gemeinsamen Erkenntnis wurde dann im Jahre 2000 der mutige Entschluss gefasst, das anstehende Fronleichnamsfest mit der dazugehörigen Prozession gemeinsam zu begehen. Mit diesem Entschluss wurde die Tür in ökumenisches Neuland weit aufgestoßen, denn eine gemeinsame Fron­leich­nams­prozession dürfte ziemlich einzigartig sein.

 

Jahrhunderte lang war das Fronleichnamsfest eine Art katholische Demonstration. Durch Straßen und Fluren begleiteten die Gläubigen ihren Herrn und gaben so öffentlich Zeugnis ab für ihren Glauben und ihre Kirche.

 

Nicht selten wurde es früher auch als antiprotestantische Demonstration verstanden. Durch das Fronleichnamsfest wollte man der katholischen Auffassung Ausdruck verleihen, dass allein die römisch-katholische Kirche die Verfügung über die Eucharistie habe.

Im Zentrum des Fronleichnamsfestes steht die Prozession. In Gestalt der geweihten Hostie wird Christus durch die Straßen geführt. Er verlässt das Allerheiligste und durchzieht für alle sichtbar das Profane. Zu diesem Zweck entstanden die Monstranz, ein halbmondförmiges Schiffchen, in das die Hostie gesteckt wird, und der Baldachin, der von vier Trägern gehaltene „Traghimmel“.

 

In der Reformationszeit wurde das Fronleichnamsfest sogar zu einem Konfessions­scheidenden Merkmal. Luther bezeichnete Fronleichnam als das „allerschändlichste Jahresfest“, weil ihm die biblische Grundlage fehlte. Ihm galten alle Prozessionen als Gotteslästerung.

In Hohen-Sülzen beginnt das Fronleichnamsfest mit einem gemeinsamen Gottesdienst, an dem der evangelische Pfarrer durch Gebete und Lesung beteiligt ist. Im Anschluss an den Gottesdienst findet die Prozession statt, wobei der katholische und der evangelische Pfarrer im Wechsel die Monstranz zu den verschiedenen Altären tragen.

 

Die erste Station der Prozession ist traditionell der Altar auf dem Vorplatz der evangelischen Kirche, der liebevoll von evangelischen Christen hergerichtet wurde. Weitere Altäre befinden sich am Rathaus, am evangelischen Kindergarten und am katholischen Gemeindehaus. Alle Altäre zeichnen sich aus durch ihre Blumenteppiche, die mit großer Kunstfertigkeit hergestellt wurden. Nach Lesung und Gebet durch die beiden Pfarrer zieht der Fronleichnamszug, der von einem Posaunenchor angeführt wird, von Altar zu Altar. Der Abschluss der Veranstaltung bildet ein gemeinsames Essen im katholischen Gemeindehaus.

 

Bevor wir uns auf dieses große ökumenische Abenteuer eingelassen haben, hatten wir natürlich große Bedenken. Heute muss ich sagen, dass diese Bedenken, die zum großen Teil aus Unkenntnis und Fremdheit stammten, völlig überflüssig waren. Aus theologischer Sicht mag es sicherlich viele Gründe geben, die gegen eine evangelische Beteiligung sprechen. Der Gewinn an menschlicher Nähe und konfessioneller Verbundenheit ist meines Erachtens aber viel höher einzustufen. In unserem Land gehen doch schon längst nicht mehr die Grenzen zwischen evangelischer und katholischer Konfession, sondern zwischen denen, die vom christlichen Glauben noch etwas erwarten und denen, die sich davon nichts mehr versprechen. Vor dieser Tatsache sollten wir heute die Augen nicht mehr verschließen.

 

Ich freue mich jedes Jahr neu auf meinen gemeinsamen Pilgerweg mit meinen katholischen Mitchristen. Was soll daran falsch sein, wenn wir gemeinsam durch die Straßen prozessieren und Christus damit symbolisch Raum geben in der Welt. Den demonstrativen und geistlichen Gewinn schätze ich viel höher ein, als jede theologische Auseinander­setzung, die doch wiederum nur zu neuen Spaltungen führen würde und die Gräben vertieft.

 

(Volker Hudel, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinden Monsheim, Kriegsheim und Hohen-Sülzen)

 

 

Veröffentlicht in der Zeitschrift „Freundesbrief“ Ausgabe 1- 2005

 

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